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Drei Fragen an Ulrike Stein: Arbeits- und Lohnstückkostenentwicklung 2018 im europäischen Vergleich

Ulrike Stein, Expertin im IMK unter anderem für Einkommensverteilung und Arbeitsmarkt, beantwortet drei Fragen zu der Entwicklung der Arbeitskosten.

  

Wie haben sich die deutschen Arbeitskosten im europäischen Vergleich im Jahr 2018 entwickelt?

Die Arbeitskosten in der Privatwirtschaft lagen im Jahr 2018 bei 35,0 Euro in der Privatwirtschaft. Damit nimmt Deutschland wie auch schon im Vorjahr den 6. Platz unter den EU-Ländern ein. Wie im Euroraum nahmen die deutschen Arbeitskosten um 2,3 % zu. Die Arbeitskosten im Euroraum stiegen das zweite Jahr in Folge mit einer Rate von über 2 %. Damit setzt sich in Deutschland die Entwicklung einer Normalisierung der Arbeitskosten fort, die nach der Finanz- und Wirtschaftskrise einsetzte, wodurch die stark unterdurchschnittliche Entwicklung der 2000er Jahre zum Teil etwas korrigiert wurde. Es besteht aber weiterhin noch Spielraum bei der Lohnentwicklung nach oben. Eine Erosion oder Gefährdung der preislichen Wettbewerbsfähigkeit deutscher Unternehmen ist nicht auszumachen.

Wie hat sich der Verteilungsspielraum entwickelt und was sind die Kriterien einer makroökonomisch-orientierten Lohnpolitik?

Üblicherweise wird die Summe aus dem Trend des gesamtwirtschaftlichen Produktivitätsfortschritts und der Zielinflationsrate der Zentralbank als Verteilungsspielraum bezeichnet. Nach den Kriterien einer makroökonomisch-orientierten Lohnpolitik sollten sich die nominalen Lohnsteigerungen an diesem Verteilungsspielraum orientieren. Eine solche Lohnentwicklung leistet einen wichtigen Beitrag zur Stabilisierung der wirtschaftlichen Entwicklung, der Preisstabilität und zum außenwirtschaftlichen Gleichgewicht. Von Mitte der 1990er Jahre bis zur Finanz- und Wirtschaftskrise fielen die Lohnsteigerungen in Deutschland geringer aus als der gesamtwirtschaftliche Verteilungsspielraum. Dies war ein Faktor für die Entwicklung der Ungleichgewichte im Euroraum. Zudem sehen wir in dieser Zeit eine schwache Binnennachfrage, einer im europäischen Vergleich unterdurchschnittliche Beschäftigungsentwicklung und ein nur mäßiges Wirtschaftswachstum in Deutschland. Erst nach dem Ende der Finanz- und Wirtschaftskrise ist eine gewisse Normalisierung der Lohnentwicklung im Sinne einer makroökonomisch orientierten Lohnpolitik in Deutschland auszumachen.

Wie entwickelten sich der Produktivitätsfortschritt und die Reallöhne in Deutschland

Der gesamtwirtschaftliche Produktivitätsfortschritt ist die wesentliche Quelle für den Anstieg des Wohlstands und Lebensstandards in einer Gesellschaft. Reallohnzuwächse sind das wichtigste Instrument für die Teilhabe der abhängig Beschäftigten am Produktivitätsfortschritt. Zwischen 1994 und 2016 sehen wir eine Entkopplung des gesamtwirtschaftlichen Produktivitätsfortschritts und der realen Bruttostundenlöhne in Deutschland. Die Lücke zwischen gesamtwirtschaftlichem Produktivitätsfortschritt und dem Median der realen Bruttostundenlöhne also dem realen Stundenlohn des typischen Beschäftigten in der Mitte der Gesellschaft ist in Deutschland zwischen 1994 und 2016 um knapp ein Prozent pro Jahr gewachsen. Wesentlich für diese Entwicklung waren der stärkere Anstieg der Konsumentenpreise im Vergleich zu dem der Produzentenpreise, der Rückgang der Lohnquote und der Anstieg der Lohnungleichheit. In der unteren Hälfte der Lohnverteilung war diese Entwicklung sogar noch stärker ausgeprägt.


Zum Report Arbeitskosten 2018

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